Trump und Chemnitz durchschauen: Designbildung als Baustein zur eigenständigen Meinungsbildung

„Die Fähigkeit zur Decodierung ist Teilhabe und die Fähigkeit zur Codierung ist Einfuss“

Kreative Problemlösung als Allgemeinbildung in einer globalen Gesellschaft und Arbeitswelt

ROBERT GLOGOWSKI, Referatsleiter Berufswirtschaft im BDG

(aus „Didaktik des Designs“, Schriftenreihe Design & Bildung – Schriften zur Designpädagogik, Band 1, München 2016)

Die Welt, die auf uns einwirkt, wird durch die Kommunikation in Echtzeit auf unzähligen parallelen Kanälen immer komplexer und schneller. Es wird zunehmend anspruchsvoller, Informationen richtig zu deuten, um sich ein eigenes Bild zu machen. „Zwischen den Zeilen zu lesen“, reicht nicht mehr. Botschaften sind komplex aufbereitete Bilder und kurze Filme. Wer diese Visualität nicht beherrscht ist manipulierbar; die Fähigkeit zur Decodierung ist Teilhabe, und die Fähigkeit zur Codierung ist Einfuss.

Durch das Internet wurden in seinen Anfängen alle gezwungen, Englisch zu lernen; so wurde Englisch die globale Sprache der Digitalisierung. Der neue Trend löst Englisch ab, gezwungenermaßen, denn das Internet wird inzwischen von allen Sprachen und Schriften in Besitz genommen. In China ist das Internet auf Chinesisch mit Schriftzeichen, in Russland auf Russisch in Kyrillisch. Die einzige Sprache, die nun globalen Einfuss hat, ist „Visual“. Ob Werbe- oder Terrorbotschaft, alles wird in „Visual“ inszeniert, wenn es global jeden erreichen soll. Und global ist heute Alltag.

Visual als Fremdsprache?

Um alle Teile der Bevölkerung an „Visual“ teilhaben zu lassen, müsste neben Englisch und Chinesisch auch „Visual“ als Sprache in der Schule gelehrt werden, damit Schüler mündig und selbstbewusst verstehen, was um sie herum passiert. Die Nutzung der Sprache „Visual“ ermöglicht es, komplexe Zusammenhänge inhaltlich und bildlich – und damit viel schneller und umfassender – zu betrachten und zu begreifen.

„Visual“ ist die Sprache des Designs. Sprechen wir von Design, so betrachten wir damit die Technik der Anwendung von „Visual“. Die Fähigkeit, visuell zu kommunizieren und Inhalte richtig zu decodieren, ist ein unschätzbarer Vorteil in der digitalen Gesellschaft. Der Gedanke, Design in die Schulbildung zu integrieren, hört sich für viele so absurd an wie noch vor ein paar Jahren die Vorstellung, dass Design im Besonderen sowie die Kultur- und Kreativwirtschaft insgesamt eine Schlüsselfunktion im wirtschaftlichen Wachstum und in gesellschaftlichen Wandlungsprozessen haben könnten. Unser Bildungssystem befindet sich durch den Druck der wachsenden Mittelschichten in bevölkerungsreichen Schwellenländern wie Brasilien, China, Indien und Südafrika in einer globalen Konkurrenzsituation. Wer in Zukunft bei der Entwicklung innovativer Produkte und Dienstleistungen international dazugehören will, benötigt die Fähigkeit, komplexe gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen ganzheitlich und nachhaltig zu lösen. Es ist also eine nationale, aber auch eine individuelle Herausforderung, der wir uns alle stellen müssen.
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Wir denken, dass eine Integration von Design in die allgemeine Schulbildung helfen kann, kommende Generationen von Schülern zu kreativen Problemlösern auszubilden, die ihr eigenes Leben und die Gesellschaft aktiv mitgestalten. Das kreative Ausdrucksvermögen der Schüler auszubilden, ist also auch ein Versuch, auf veränderte Bedingungen am Arbeitsmarkt einzugehen, denn „weiter kommt, wer zu kollegialer Zusammenarbeit, kommunikativer Offenheit und möglicherweise zu kreativer Eigenheit in der Lage ist.“

In Deutschland ist die „Kreativierung“ der Gesellschaft durch Projekte im schulischen Bereich ein brandaktuelles Thema. So gibt es seit 2011 die Kulturagenten für kreative Schulen, ein Projekt, das durch die Kulturstiftung des Bundes und einiger Bundesländer kofinanziert wird. Die Kulturagenten aus verschiedenen künstlerischen Berufen arbeiten hierbei projektorientiert mit Schulen zusammen und sollen dadurch auch langfristige Kooperationen aufbauen.

Reintegration des Designs

Tatsächlich sprechen wir heute von einer Re-integration des Designs in den industriellen Prozess. Damit wird klar, dass Design ein Bestandteil eines vollwertigen Prozesses ist, der irgendwann einmal heraus gelöst wurde. Ähnlich könnte man davon ausgehen, dass Design ein natürlicher Bestandteil der Bildung ist und nun sinngemäß wieder integriert werden müsste, um Schüler auf die Anforderungen der globalen und digitalen Welt vorzubereiten. Neben der Lesefähigkeit und den mathematischen Fähigkeiten, die nach diversen PISA- Schocks stark in den Fokus der Schulbildung gerückt sind, wird aus unterschiedlichen Ländern immer häufiger die Forderung nach kreativem Denken als dritter Säule der Allgemeinbildung laut.

Auch die Ergebnisse der PISA-Studie von 2014 weisen in diese Richtung: Bei der Problemlösungskompetenz konnten die deutschen Schüler nur einen Platz im Mittelfeld erringen. „Wer im Alltag und in der Arbeitswelt bestehen will, so die Forscher, der müsse mehr können, als reines Schulwissen anzuwenden. Wer beim kreativen problemlösen gut abschneiden will, der müsse offen für Neues sein, müsse ‚Zweifel und Ungewissheit‘ zulassen und es wagen, intuitiv vorzugehen“. Genau diese Fähigkeiten sind es, die Design als integratives Werkzeug in der Schule zu vermitteln vermag. Der Prozess verläuft nicht linear wie die meisten Wissensvermittlungen im schulischen Bereich, sondern fordert von den Schülern, eigeninitiativ nach neuen Lösungen zu suchen. Dabei hat der Schüler die Chance, sich selbst als Individuum mit seinen ganz persönlichen Erfahrungen einzubringen. Aus der Erfahrung in der Arbeit mit Schülern ist das ein extrem intrinsisch motivierendes Moment, in dem auch die Erkenntnis wächst, dass in einem Designprojekt das Wissen aus unterschiedlichen Fächern sinngebend zusammenfließt.

Design ist ein kreativer Problemlösungsprozess mit einem sehr ausgeprägten Praxisbezug. Es geht darum, Probleme zu erkennen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, Lösungskonzepte zu entwickeln, kritisch zu reflektieren und dann zu realisieren. Als Ergebnis entstehen virtuelle oder reale Produkte, Systeme, Services, Kleinserien oder industrielle Massenprodukte. Design bringt nicht nur unterschiedliche Bereiche zusammen, es verbindet auch Theorie und Praxis.

In verschiedenen Ländern bestehen bereits entsprechende Projekte. So wird in Dänemark seit 2016 der Designprozess in das handwerkliche Schulfach integriert. Damit werden Theorie und Praxis in dem neuen Schulfach „Crafts und Design“ gemeinsam angeboten. Eine weitere wichtige Kompetenz, um Schülern die künftige Gestaltung von Gesellschaft und Wirtschaft zu ermöglichen, ist die Fähigkeit, andere Perspektiven einnehmen zu können. Designer entwickeln Konzepte stets für andere Personen oder Personengruppen und müssen sich dazu in andere Personen hinein versetzen können. Durch diesen Perspektivwechsel kommt es auch zu einer veränderten Selbstwahrnehmung der Schüler und einer größeren kritischen Distanz gegenüber dem eigenen Denken und Handeln. Damit ist Designkompetenz auch ein Werkzeugkasten, den Schüler auf ihrem Lebensweg immer wieder einsetzen können.

Design als Schulfach

In Südafrika ist Design seit 2006 ein eigenständiges Fach. Kerngedanke dort ist, Design als Werkzeug zur gesellschaftlichen Transformation allen Bürgern bereits mit dem Schulbesuch zugänglich zu machen. Durch die Vermittlung von Kompetenzen, wie beispielsweise visuelles Ausdrucksvermögen, konzeptionelles und kritisches Denkvermögen und kommunikative Fähigkeiten, soll eine neue Generation von kreativen Köpfen und strategischen Denkern ausgebildet werden, die sich mit gesellschaftlichen Herausforderungen einer durch die Apartheid gespaltenen Gesellschaft oder den Folgen des gravierenden Aidsproblems auseinander setzt.

Die Fähigkeiten und Haltungen, die Schüler im Fach Design erwerben, sollen dann auch in alle anderen Unterrichtsfächer einfließen. Die Hoffnung ist nicht nur, dass ausgesprochene Talente bereits auf eine Hochschulbildung vorbereitet werden, sondern auch, dass alle Schüler einen Nutzen für ihr späteres Berufsleben ziehen und hierdurch erfolgreicher an der globaldigitalen Gesellschaft teilhaben können. Selbstverständlich sind bei diesem Vorhaben große Herausforderungen zu bewältigen. Das gilt nach Aussage einer der Hauptinitiatorinnen der neuen Designbildung, Suné Stassen, insbesondere für die Frage der Ausbildung der Lehrkräfte in Designmethodologie. Diese erfolgt in Workshops, die teilweise von Universitäten und Hochschulen durchgeführt werden. Wichtig wäre es aber, Schlüssel- und Führungspositionen durch Designprofis zu besetzen, um die Qualität der Inhalte auf einem hohen Niveau zu halten. In Südafrika legt man besonderen Wert darauf, lokale Traditionen und Gegebenheiten in das Curriculum zu integrieren. So wird die Zusammenarbeit von Lehrkräften, örtlichen Designern und auch Handwerkern mit dem Ziel gefördert, nachhaltige Lösungen zu erarbeiten, um das reiche kulturelle Erbe zu bewahren und weiterzuentwickeln.

Designverortung in der Schule

Die Beispiele aus der internationalen Praxis stimmen zuversichtlich, dass die Überlegungen zur Stärkung kreativer Kompetenz von Schülern durch Designvermittlung in der Sekundarstufe absolut richtig und umsetzbar sind. In Deutschland wird Design bisher im Rahmen des Kunstunterrichts vermittelt. Das ist für Designer schwer verständlich. Zwar geht es auch beim Design um eine ästhetische Komponente, Designmethoden haben aber nichts mit der künstlerischen Arbeitsweise zu tun, die allein im Individuellen begründet ist. Hier lässt es sich doch eher auf den Gedanken der Fremdsprache „Visual“ rekurrieren. Ziel muss sein, den Wert von Design, nämlich die Fähigkeit zur kreativen Problemlösung im ganzheitlichen Kontext den Schülern mitzugeben, laut Viktor Papanek: Design for the real world!
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AUTOR
Robert Glogowski
Dipl. Designer, geb. 1967, studierte an der Hochschule fiür Bildende Künste (HBK) Braunschweig Kommunikationsdesign und ist seit 1995 selbständiger Designer mit eigener Agentur. Seit 1998 ist er Mitglied im Bundesvorstand des Berufsverbandes der Deutschen Kommunikationsdesigner BDG, war von 2004 bis 2006 Vizepräsident und leitet heute das BDG Referat Wirtschaft. Ein besonderer Schwerpunkt ist seit Jahren die Kreativwirtschaft, die Ausbildung und Gründungsberatung. Sechs Jahre war er Leiter des Prüfungsausschusses für Mediengestalter an der IHK Braunschweig und ist Mitglied in zahlreichen Wirtschaftsverbänden, Initiativen der Kreativwirtschaft und Gründernetzwerken. Von 2011-2016 betreute Robert Glogowski als Career Service die Studenten der HBK Braunschweig. In der Periode 2013-2015 war Robert Glogowski im Vorstand des Design Weltverbandes ico-D als Vice President. Im gleichen Zeitraum war er Mitglied im Beraterteam der Stadt Shanghai, China, zur Entwicklung der Kreativwirtschaft .

QUELLE

June H. Park(Hrsg.), Didaktik des Designs, Schriftenreihe Design & Bildung – Schriften zur Designpädagogik, Band 1, München 2016

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